Grafik
Jeder dritte Deutsche leidet an einer oft unerkannten Schilddrüsenerkrankung

Dr. med. Christian Huschke erklärt Symptome und Therapiemöglichkeiten



Jeder dritte Deutsche leidet an einer Schilddrüsenerkrankung, doch die Symptome bleiben oft lange Zeit unerkannt, weil die Betroffenen erst zum Arzt gehen, wenn sich schon deutliche Beschwerden wie beispielsweise Luftnot, Heiserkeit und Schluckbeschwerden zeigen. Auch Herzrhythmusstörungen und eine sichtbare Augenveränderung (bei Morbus Basedow) können Folge einer Schilddrüsenerkrankung sein. Die gut funktionierende Schilddrüse ist aber wichtig, denn sie hat für den menschlichen Körper durch ihre Hormonproduktion eine bedeutsame Stoffwechselfunktion. Noch immer liegt die Haupterklärung für das auffällige Nord-Süd-Gefälle im Hinblick auf die Höhe der Patientenzahlen in einer Jodmangelernährung, die vor allem Bayern und Ostdeutschland betrifft. Schilddrüsenvergrößerung („Kropf“), z. T. mit Knotenbildung, aber auch Funktionsstörungen mit weiteren Folgeerkrankungen sind hier zu beobachten.
Bei den meisten Patienten ist eine Operation empfehlenswert, wenn nicht sogar zwingend, beispielsweise bei Vorliegen bösartiger Knoten.

Dr. med. Christian Huschke, Leitender Arzt der Praxis für Allgemeinchirurgie mit Schwerpunkt Viszeralchirurgie, früher an der EuromedClinic in Fürth, jetzt im Metropol Medical Center in Nürnberg, erklärt die verschiedenen Erkrankungsformen der Schilddrüse und ihre Therapiemöglichkeiten.

Warum ist Bayern so überproportional von Schilddrüsenerkrankungen betroffen?
Dr. Huschke:
Bayern hat – im Gegensatz etwa zu Norddeutschland – noch immer mit den Folgen des Jodmangels im Trinkwasser sowie in der Nahrung zu kämpfen, wobei jedoch gerade das Spurenelement Jod für eine einwandfreie Funktion der Schilddrüse essentiell ist. Daher wird neben der Versorgung der Bevölkerung mit Jodsalz auch immer wieder der Zusatz von Jod in das Trinkwasser diskutiert. Möglicherweise spielen auch die Folgen von Tschernobyl eine Rolle. Hierzu gibt es bisher aber keine Studien.

Frage: Den so genannten „Kropf“ (Struma) als Folge von Jodmangel kennt eigentlich jeder. Aber welche Erkrankungen der Schilddrüse gibt es außerdem?
Dr. Huschke: Die Schilddrüsenvergrößerung, „Kropf“ genannt, die übrigens oft lange Zeit nicht bemerkt wird, ist die häufigste Schilddrüsenerkrankung. Sie wird oftmals begleitet von „heißen“ oder „kalten“ Knoten. Diese Knoten können auch eigenständig/solitär auftreten. Die kalten Knoten können in einigen Fällen bösartig sein.
Außerdem gibt es die echten Funktionsstörungen der Schilddrüse, nämlich die Überfunktion (Hyperthyreose) und die Unterfunktion (Hypothyreose), bei der die Schilddrüse zuviel oder zuwenig Hormone produziert. Sie führen im Verlauf zu starken Folgeerkrankungen.

Frage: Wie kann der Arzt eine Erkrankung der Schilddrüse feststellen?
Dr. Huschke: Ein Bluttest gibt Aufschluss darüber, ob eine Funktionsstörung vorliegt, indem die Werte der Schilddrüsenhormone (T3, T4 und TSH) geprüft werden. Eine Ultraschalluntersuchung erkennt eine Vergrößerung der Schilddrüse und mögliche Knoten. Um allerdings die noch „Tumorart“ sicherer verifizieren zu können, sollte zusätzlich ein Szintigramm angefertigt werden.

Frage: Warum sind Schilddrüsenknoten gefährlich?
Dr. Huschke: „Heiße“ Knoten (autonome Adenome) sind besonders aktive Schilddrüsenareale. Sie lagern unkontrolliert Jod ein, wodurch es Überproduktion von SD-Hormonen kommt. Diese Knoten sind an sich gutartig, führen aber zu möglichen, nicht ungefährlichen Nebenerkrankungen. Sie müssen „behandelt“ werden. Davon zu unterscheiden sind die „kalten“ Knoten, die funktionslos sind, aber auch zu bösartigen Veränderungen neigen können. Insbesondere wenn jüngere Leute betroffen sind und beispielsweise nur ein einzelner, isolierter kalter Knoten vorhanden ist, würde ich heutzutage empfehlen, diesen operativ zu entfernen und nicht erst noch weiter zu beobachten, wie man dies noch vor einiger Zeit empfohlen hat, da sich die Zahl maligner Knoten in den letzten Jahren auffällig erhöht hat.
Beide Knotenformen können meist nur durch ein Szintigramm sicher voneinander unterschieden werden. Es kann jedoch auch vorkommen, dass während der OP ein „kalter“ Knoten nicht eindeutig als gutartig zu identifizieren ist. Dann sollte durch eine Schnellschnittuntersuchung in der Operation mittels Gewebeprobe die Frage der Bösartigkeit abgeklärt werden, um eventuell mehr Schilddrüsengewebe oder auch Lymphknoten mit entfernen zu können.

Frage:
Muss bei Knoten in jedem Fall operiert werden?
Dr. Huschke: Bei bösartigen Befunden, aber auch bei entsprechendem Verdacht darauf, muss umgehend operiert werden.
Wenn bereits durch mechanische Komplikationen Nebenwirkungen wie z. B. Luftnot, Schluckbeschwerden oder Heiserkeit aufgetreten sind, sollte ebenfalls eine Operation umgehend durchgeführt werden, wie auch bei Versagen der medikamentösen Therapie bei Hyperthyreose.

Frage: Welche Symptome deuten auf eine Überfunktion bzw. Unterfunktion der Schilddrüse hin?
Dr. Huschke: Bei der Überfunktion produziert der Körper mehr Hormone als nötig, was zu einem gesteigerten Stoffwechsel führt. Ursache können auch Antikörper gegen eigenes Schilddrüsengewebe sein. Symptome sind beispielsweise Nervosität, Schwitzen, Haarausfall, Herzrhythmusstörungen, Gewichtsabnahme, aber auch die Augenerkrankung Morbus Basedow. Bei einer Unterfunktion hingegen fühlen sich die Patienten matt und antriebslos, weil der Körper zuwenig Hormone produziert. Ursache kann häufig auch eine chronische Entzündung der Schilddrüse (sog. Thyreoiditis) sein.

Frage: Warum empfehlen Sie bei einer Funktionsstörung eine Operation?
Dr. Huschke: Bei einer Überfunktion müsste man ohne eine Operation gegen die Hormonbildung medikamentös vorgehen und zumeist auch ein Herzmedikament geben. Beides hat natürlich Nebenwirkungen. Hier würde ich stattdessen eine Operation empfehlen, um die Ursache, nämlich eine nicht richtig funktionierende Schilddrüse, zu beseitigen. Anschließend erhält der Patient das fehlende Schilddrüsenhormon in Tablettenform. Bei Vorliegen einer Morbus Basedow-Erkrankung kann eine Operation eine Verschlimmerung der Augenveränderung verhindern, allerdings meist nicht mehr rückgängig machen.
Eine Unterfunktion dagegen kann durch die Einnahme von Schilddrüsenhormomen ausgeglichen werden und führt nur im Falle einer ausgeprägten Knotenstruma zur Operation.

Frage: Welche Operationsmethode verwenden Sie?
Dr. Huschke: Wir arbeiten nach dem „Standardverfahren mit Neuromonitoring“. Der Schnitt für die Operation ist nur ca. 4-5 cm groß, egal, ob einseitig oder beidseitig operiert wird. Wichtig ist, dass jeder Patient individuell aufgrund seiner persönlichen Untersuchungen die für ihn passende Therapie und Operation erhält. Hierzu gehört eine individuelle Beratung.
„D i e“ OP für Schilddrüsenerkrankungen gibt es so nicht.

Frage: Kann man Schilddrüsenerkrankungen vorbeugen?
Dr. Huschke: Eindeutig ja, auch wenn es zusätzlich erbliche Krankheitsfaktoren gibt. Da der Zusammenhang zwischen Jodmangel und Schilddrüsenerkrankungen sicher ist, sollte man bereits bei Kindern auf eine angepasste Ernährung achten. Diese beinhaltet neben möglichst häufigen Fischgerichten auch eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und Salat, und natürlich die Verwendung von jodhaltigem Salz in der Küche.




PDF zum Download         zurück

(283 KB)